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Der Begriff "Indianer"

Die Bezeichnung „Indianer“ (ursprünglich spanisch: indios) geht auf ein überliefertes Missverständnis von Christoph Kolumbus zurück, der glaubte, in Indien gelandet zu sein, als er im Jahre 1492 die Insel Hispaniola erreichte und damit den amerikanischen Kontinent für die Europäer (wieder-)entdeckte. Mit „Indien“ bezeichneten die europäischen Seefahrer damals allerdings ganz allgemein Ostasien, das sie über den westlichen Seeweg zu erreichen suchten, nicht hingegen den indischen Subkontinent im Speziellen (der damals in der Regel „Hindustan“ genannt wurde). Auch nachdem der Irrtum der Entdecker erkannt war, wurde die Bezeichnung beibehalten. Die vorkolumbischen Ureinwohner Amerikas (d. h. die vor der Ankunft der Europäer dort ansässigen Völker) wurden daher „Inder“ (indios, englisch: Indians, französisch: indiens) genannt, ebenso wie alle Bewohner Ostasiens einschließlich der tatsächlichen Einwohner von Indien. Allerdings existierten auch andere Bezeichnungen, etwa „Amerikaner“ (américains) im Codex canadiensis des 17. Jahrhunderts.

Auch im modernen Spanischen gibt es zwischen den im Deutschen heute unterschiedenen Herkunftsnomina „Inder“ und „Indianer“ semantisch keinen Unterschied; beide Begriffe werden mit dem Wort indio bezeichnet. Um hier Missverständnisse auszuschalten, hat sich auch im Spanischen in jüngster Zeit analog zu den übrigen romanischen Sprachen (vom französischen amérindienne ausgehend) der Neologismus amerindio verbreitet, der inhaltlich dem deutschen „Indianer“ genau entspricht. Andersherum wird das Problem dadurch gelöst, dass man in einigen lateinamerikanischen Ländern (bspw. Mexiko) den „echten“ Inder nicht als indio, sondern als hindú („Hindu“) bezeichnet (ohne damit eine Aussage über die Religionszugehörigkeit treffen zu wollen). Insgesamt herrscht im spanischsprachigen Bereich für indianische Ethnien heute allerdings die Sammelbezeichnung indígenas (Ureinwohner) oder pueblos indígenas (indigene Bevölkerungen) vor und innerhalb bestimmter Sprechergruppen kann die im Deutschen für die Indianer Lateinamerikas durchaus übliche Benennung „Indios“ unter Umständen als abwertend empfunden werden.

Im Englischen wurde zur Differenzierung in der Vergangenheit der Begriff Red Indians geprägt, der im Deutschen ebenfalls als „Indianer“ zu übersetzen war, aber heute ebenso wie die romantisierende deutsche Bezeichnung „Rothaut“ wegen der rassistischen Konnotationen nur ungern benutzt wird und als politisch unkorrekt gilt.

Im brasilianischen Portugiesisch versteht man unter „Indio“ allgemein einen „Ureinwohner“ (eigentlich indígeno oder nativo); die Brasilianer unterscheiden folglich zwischen indios latinamericanos (lateinamerikanischen Ureinwohnern), indios africanos (afrikanischen Ureinwohnern) und indios australianos (australischen Ureinwohnern).

Im Gegensatz zu dem Begriff „Indianer“ schließen Begriffe wie „amerikanische Ureinwohner“ (Native Americans bzw. americanos nativos), „Urvölker Amerikas“ (original peoples of America bzw. pueblos originarios de América) oder „indigene amerikanische Bevölkerungen“ (indigenous American peoples bzw. pueblos indígenas de América) auch die Inuit, Unangan und Yupik in Alaska und der nordkanadischen Arktis ein. Diese trafen jedoch wesentlich später als die Indianer in Amerika ein und unterscheiden sich genetisch und kulturell stark von den früheren Einwanderern. Letzteres gilt auch für die Ureinwohner Hawaiis, Amerikanisch-Samoas und der Osterinsel. Sie alle werden daher in der Regel nicht unter dem Begriff „Indianer“ gefasst, ebenso wenig wie Mestizen, Métis oder Zambos, also Nachfahren aus Verbindungen zwischen Europäern bzw. Afrikanern und Indianern.

„Indianer“ kann im Deutschen in manchen Zusammenhängen auch ausschließlich die indianischen Ureinwohner Nordamerikas meinen, um sie von den (dann als „Indios“ bezeichneten) in Süd- und Mittelamerika lebenden vorkolumbischen Bewohnern zu unterscheiden.

Schon in den ersten Jahren nach Kolumbus wurde auch den Europäern klar, dass sich die Indianer Nord- und Südamerikas auf eine Vielzahl unterschiedlicher Ethnien verteilen, deren Kulturen zum Teil sehr stark voneinander abweichen. Die Völker Amerikas selbst empfanden sich vor dem 19. Jahrhundert nie als einheitliche Gruppe, sondern nur als Bestandteile ihres jeweiligen Stammes oder ggf. einer vorübergehenden Allianz aus mehreren verwandten oder benachbarten Völkern. Im Zuge der Durchsetzung der weißen Vorherrschaft, die mit Genoziden und mannigfaltigen Verfolgungen verbunden war, gewannen besonders die Ethnien Nordamerikas jedoch zunehmend ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Heute verwenden sie in den USA für sich die englischen Bezeichnungen American Indians (Indianer) oder Native Americans (amerikanische Ureinwohner), wobei die Erstere – besonders von Aktivisten – bevorzugt wird [1], die daneben auch gern den etwas umständlicheren Ausdruck indigenous peoples of the Americas verwenden.

In Kanada wird (grundsätzlich synonym zu Indians bzw. Indiens) auch der Begriff First Nations bzw. Première Nations (auch First People bzw. Premiers Peuples), also „Erste Nationen“ oder Urvölker, gebraucht. Leichte Definitionsabweichungen ergeben sich allerdings aus dem Umstand, dass das kanadische Indianergesetz (Indian Act bzw. Loi sur les Indiens) von 1876, das immer noch Gültigkeit besitzt, zwischen Status Indians (das sind registrierte Angehörige der First Nations, die bestimmte Rechte haben), Non-Status Indians (die diese Rechte nicht haben, weil sie nicht registriert sind) und Treaty Indians unterscheidet. Letztere unterliegen den vertraglichen Bestimmungen der Einzelverträge mit bestimmten Stämmen. Aufgrund dieser Legaldefinitionen verlieren beispielsweise „gemischte“ Paare ihren Anspruch auf die Rechte der Ureinwohner, ggf. sogar ihre formale Anerkennung als „Indianer“. Auch Angehörige der First Nations gelten darum heute oftmals formalrechtlich nicht als Indians. Auf lange Sicht kann das zum Verschwinden der „staatlich anerkannten“ Indianer und damit auch zur Bedeutungslosigkeit der ihnen von Gesetzes wegen zuerkannten Rechte führen.

Viele früher als Bands (Sippen, Stämme) bezeichneten Gruppen oder Stämme haben diesen Namensbestandteil mittlerweile durch den Ausdruck First Nation ersetzt, manche auch durch den Bestandteil Tribe (Stamm, Stammesgruppe); viele haben aber auch die alten Bezeichnungen beibehalten. Insgesamt zeigt sich die Tendenz, den Begriff „Tribe“ (bekannt vor allem durch die zahlreichen Tribal Councils, das sind Gremien, die eine durch gemeinsame Sprachen, räumliche Nähe oder kulturelle Verbundenheit zusammenhängende Gruppe von Stämmen vertreten) als eine Art Oberbegriff zu verwenden. Die Entwicklung ist jedoch noch im Fluss und dürfte erst durch Änderungen am Indian Act oder die Schaffung einer neuen gesetzlichen Grundlage eine endgültige Richtung finden.

Durch die Übersetzung ins Deutsche wird dieses sprachliche und terminologische „Wirrwarr“ von Selbst- und Fremdbezeichnungen noch weiter verkompliziert, zumal auch allgemeine Begriffe wie Ethnie oder Gruppe das Problem oft nicht zufrieden stellend lösen können.